Ein Datum: 1789, Sturm der Bastille, Erklärung der Menschenrechte. Eine Revolution ist eine Zeitoperation, ist ein präziser Schnitt in der historischen Zeit, sie lässt sich datieren, markiert den Abbruch einer Kontinuität, kehrt die Verhältnisse in einem zerstörerischen Akt um, postuliert einen Neubeginn. Revolution ist Beschwörung einer anderen, einer neuen Zeit, einer neuen Beziehung der Menschen untereinander und mit der Welt. Alle revolutionären Bewegungen lassen sich durch diese temporale Struktur eines Vorher und Nachher definieren, die bürgerliche, die marxistisch-kommunistische, auch die »friedliche« Revolution des Mauerfalls. Es ist die Hoffnung und das Drängen auf eine radikale Veränderung, auf eine neue Qualität nach dem Sturm, dem Sturz, der Zerstörung. Zugleich ist dieses Drängen ihr Fanal. Gerade weil sie sich als politische Zeitzäsur versteht, sich auf den Umsturz der Verhältnisse konzentriert, bleibt ihr oftmals keine Zeit, das Neue umsichtig zu planen und herbeizuführen. Die neuen, die revolutionären Kräfte hatten zwar über viele Jahre sich auf den Augenblick der Auflösung des Alten vorbereitet, doch kaum Vorbereitungen für das Verwirklichen ihrer eigenen Ideen getroffen. So erzwang das revolutionäre Werk ebenso willkürlich wie dogmatisch und maßlos sein nach-revolutionäres Programm im sozialen Raum und provozierte neue Widersprüche und Unfrieden. Eine jede Revolution birgt ihr Scheitern in sich. Die bürgerliche Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts war eine der bürgerlichen Rationalität und der bürgerlichen Ökonomie. Die Ernüchterungen, die auf sie folgten, die »Verirrungen der Vernunft«, die sie schlussendlich kennzeichneten, provozierten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Gegenbewegung, ein anderes Denken und eine andere Praxis der gesellschaftlichen Veränderung. Die später so genannten »utopischen Sozialisten« stellten eine Raumoperation, eine entschleunigte, ausgedehnte Raumutopie gegen das Zeitpostulat der schnellen und abrupten Revolutionen. Nicht der Abbruch und der Umsturz der bestehenden Verhältnisse war ihr Ziel, sondern der Aufbruch und der Umzug, nicht das universelle Neubeginnen, sondern das territorial definierte Woanders-neu-beginnen ihr Programm. Medium dieser Raumbewegung war nicht die Systematik einer politisch-rationalen Analyse, sondern die Phantasie, die »Systematik des Imaginären« einer utopisch-politischen Vernunft. Das Anders- und Neu-Denken des Kollektivs war nun nicht mehr an die Deduktion der neuen Praxis aus dem spekulativen Entwurf einer politischen Vernunft und auf Basis des Modells der tabula rasa gekoppelt, sondern an den kreativ-imaginären Entwurf einer exemplarischen Gemeinschaft, die durch Propaganda, Erziehung und Bildung eine neue Gesellschaft induzieren sollte! |
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